2021 war das dritte Jahr in Folge, das mit der Frage endet: Wie konnte ich das alles nur schaffen?! Und 2022 verspricht bereits jetzt, nicht anders zu werden. Meine Familie und ich müssen immer noch umziehen und ich stecke nach wie vor in meiner Ausbildung. Aber 2021 setzte bereits starke Akzente in Richtung Zukunft. Darum ist mein Bericht nicht nur eine Rückschau, sondern auch ein Ausblick.
Zunächst alles ruhig
Das erste Quartal startete recht ruhig. Ich war ins neue Jahr mit dem Vorsatz gestartet, mehr Musik zu hören … was mir übrigens gelungen ist. Neben dem Praktikum auswärts, beschäftigte ich mich mit dem bevorstehenden Umzug im Herbst 2022. Zwischen meinen Kids, Steffi und mir gab es einen Haufen offener Fragen, auf die niemand so recht eine Antwort wusste. Darum verpackte ich die Fragestellungen in ein Projekt, welches im Kern aus einem Zeitstrahl besteht, auf dem Zeitmarken und Meilensteine abgebildet sind. Das Foto zeigt einen Teil des bodenlangen Plakats, das jetzt bei uns im Gang hängt und mit Ergänzungen beklebt wird.

Alle drei Wochen besuchte ich meine Freundin in Deutschland – was eine wöchentliche Recherche der aktuellen Reisebestimmungen nach sich zog. Später im Jahr, als diese endlich aufgehoben worden waren, machte uns der Lokführer:innenstreik zu schaffen. Die gemeinsame Zeit war jedoch entspannt, kreative Ideen wurden gesponnen, Fotowalks unternommen, und ich hatte dank der mehrstündigen Zugfahrt genug Zeit zum Schreiben oder Lernen.

Kreativfrühling
Sobald es warm genug wurde, um meine Außenwerkstatt zu benutzen, haben meine Kids und ich Schilde gebaut. Im Frühling wurde ich dann wieder einmal umtriebig und schaffte mir einen kreativen Ausgleich: das Videoprojekt. Dieses habe ich in einem dreiteiligen Blogartikel hier näher beschrieben. Und mein Dad hat uns besucht. Als ich das Foto von ihm gemacht habe, konnte ich noch nicht wissen, dass es das letzte Foto von ihm sein wird, das ich machen werde.

Wie Menschen, die mich länger verfolgen vielleicht wissen, lege ich mir jedes Jahr zu Halloween die Karten: ein Jahresorakel (Stichwort: Orakel zum Roten Raben). Sinngemäß riet es mir damals, ich solle Tanzen. Das habe ich dann auch getan und:
A) meine Liebe zum Tanzen wiederentdeckt, die mir als altem Club-Head in Covidzeiten abhanden gekommen war;
B) den Bodensatz meiner Musikbibliothek wiederentdeckt. Also stampfe ich gar nicht so sehr zu House- und Technobeats, sondern eskaliere zu Dreampop, Witchhouse, Pagan-Folk und Weltmusik. Das nachstehende Selfie sollte später noch eine wichtige Wegmarke für mich werden.

Das nächste dicke Ding war mein Radblog-Projekt: Unser Leben ohne Auto. Eine Woche lang habe ich mit meiner Rocinante meine alltäglichen Fahrstrecken dokumentiert. Zu dem Blogartikel gibt es auch noch Galerien auf Instagram und Facebook. Es war das reichweitenstärkste Projekt in der Zeit nach dem Kessel. Der frische Radweg am Abend der Sommersonnwende ist mein persönliches Foto des Jahres 2021.

Bloß der halbe Sommer war cool
Auf das Videoprojekt folgte schließlich die Präsentation der Dokumentation, die ich wortwörtlich über Nacht geschnitten habe. Kids und Eltern waren zu dem Nachmittag eingeladen. Das schwarze Quadrat im Bild überdeckt ein Gruppenfoto der teilnehmenden Kinder.

Das Videoprojekt war auch ein persönlicher Breakingpoint in dem Jahr. Rückblickend finde ich es erstaunlich, was man alles erreichen kann, wenn man von einem emotional anstrengenden Praktikum und einer Mathematik-Matura davonläuft. Steffi war in der Phase echt sehr geduldig mit mir. Leider hat mir diese stressige Zeit gefühlt die Hälfte meiner sozialen Kontakte gekostet. Beide der obligaten Clan-Treffen hatte ich 2021 sausen lassen und mir selbst damit nichts Gutes getan. Mein Vorsatz für 2022 lautet also, diese toxische Mischung aus Angst und Überforderung früh genug zu erkennen und gegenzusteuern.
Das Foto zeigt den improvisierten Schreibtisch, den meine Freundin für mich gebaut hatte, als stellvertretendes Dankeschön an alle, die mich bei diesem harten Ritt im Sommer unterstützt haben.

Die Matura habe ich mit einer Vier hinter mich gebracht! Leider hat es am dem Tag in Strömen geregnet, sodass ich klatschnass im Klassenzimmer ankam. Darum kein(!) Foto von dem Tag.
Als Ausgleich gab es einen Restsommer für mich. Zwischen den Lockdowns waren sogar Parties und ein Jahrmarkt möglich. Auf Letzterem haben wir einen Batzen Geld verfahren und ich habe mir den Tag darauf eine Fotosafari gegönnt.

Jetzt wird dann doch alles anders
Zuvor habe ich meine Familie noch nach Deutschland, zu einem Vorstellungsgespräch von Steffi begleitet. Leider erhielt sie zunächst eine Absage, was mich überraschte, weil ich die zwei Tage dort als unbeschwert und harmonisch erlebt hatte. Erst Wochen später wurde Steffi mit der Nachricht überrascht, die Stelle nun doch antreten zu können. Am Foto sieht man den hochwasserführenden Fluss, an dem wir zum Abendessen saßen.

Direkt nach dem Vorstellungsgespräch fuhr Steffi mit den Kids weiter nach Schweden und ich fuhr weiter zu meiner Freundin.
Auf dem Foto sieht man zwar nicht viel (Persönlichkeitsrechte, ihr wisst schon), aber an diesem denkwürdigen Abend wurde die Idee einer Schwarzen Goa geboren. Schwarz im Sinne von Gothic und nicht schwarz weil es eine illegale Party ist. So als Veranstalter tätig oder zumindest wieder als DJ tätig zu sein würde mir schon gefallen (die Musen und ich, ihr wisst schon). Weil ich mich fragte, was man denn auf so einer Schwarzen Goa so spielen könnte, startete ich eine Recherche und blieb bei der nocturna_obscura auf Twitch hängen, weil es da jeden Mittwoch nach meinem Schultag wohnzimmermäßig warm und gemütlich ist. Alleine im Garten mit Kopfhörern zu tanzen ist schon lange nicht mehr merkwürdig für mich. Aber ein Onlineliveevent mit Communitybeteiligung sorgt schon dafür, dass man sich nicht ganz so hundeelend fühlt.


Der Herbst war wundervoll und ich startete in ein neues Praktikum. Stellt euch vor, dort war ich verpflichtet weiße Arbeitskleidung zu tragen. Phu, leicht fiel mir das zu Beginn nicht, aber dafür war der Arbeitsbereich mega spannend und ich konnte menschlich enorm profitieren.
Weiße Autos
Ab dann wurde das Jahr echt g’schissn, denn drei Dinge sind mehr oder weniger gleichzeitig passiert: Mein Dad ist gestorben (Nachruf), meine Beziehung ist in die Brüche gegangen und Steffi zog zu ihrer oben bereits erwähnten neuen Arbeitsstelle nach Deutschland (timing, Oida!). Das weiße Auto am Foto ist nur eines von Zweien, die ich von hinten sehen musste.

Die nächsten sechs bis acht Wochen sollte ich damit verbringen, die Wohnung den neuen Möglichkeiten anzupassen (so hat die Tochter jetzt ihr eigenes Zimmer, was ihren Bruder sehr freut) und mich auf das Leben als so ziemlich alleinerziehender Vater umzustellen. Als Ausdrucks dieses Gefühls des Verlassenseins, seht ihr unten ein Bild, das das leere Rauchercarport meiner Schule zeigt. Denn knapp danach wurde bei uns wieder das Distance-Learning eingeführt – optional zunächst. Aber dass ab dem Tag, wo das möglich gemacht wird, niemand mehr in die Schule fährt, hätte ich mir auch irgendwie denken können und ebenfalls daheim bleiben … bekanntermaßen bin ich ja ein Optimist.

Die Umstellung auf Digital hat mich letztes Jahr nicht unvorbereitet getroffen. Die ganzen Angebote auf diversen Plattformen kommen mir ziemlich gelegen. Zum einen, weil ich keine Mainstreamtauglichen Interessen habe; zum anderen, weil ich es überall hin weit habe, um diese Interessen zu bedienen. Drum steht bei uns in der Küche seit dem ersten Lockdown auch Streamingtechnik für den Musikunterricht der Kinder. Inspiriert durch streamende Künstler:innen und durch die Schwarze Goa, und nachdem ich beim Ausmisten am Dachboden meinen alten DJ-Mixer wiederentdeckt habe, habe ich diesen gleich mal an das Setup in der Küche angestöpselt. Offiziell Live war ich damit aber noch nicht.
Live ist dafür aber wieder die Taverne zum Roten Raben. Man braucht ja normale Menschen.

Und dann war es plötzlich Winter
… siehe Bild. Meine Schreiberei ist so ziemlich mit Halloween gestorben – was mir sehr leid tut, denn mit Belunes Schwert, einer Kurzgeschichte, die ich im Februar hier auf meinem Blog veröffentlicht habe, habe ich mein Romankonzept überprüft und wollte die darauf folgende Novelle dazu benutzen professionelles Feedback einzuholen. Vielleicht schaffe ich es noch, die Anmerkungen und Korrekturen abzuarbeiten und den Text fertig zu stellen. Aber die Publikation soll als Ebook erfolgen und so ein Unterfangen ist ein kleines Projekt. Wie ihr gleich erfahren werdet, werde ich dafür aller Voraussicht nach keine Ressourcen haben.

Ausblick auf 2022
Bis Juli stehen eine Fachbereichsarbeit in meinem Matura-Fach am Plan + die dazugehörige Präsentation. Dazu eine Klausur für meine Ausbildung und eine mündlich zu präsentierende Diplomarbeit im selben Zeitraum. Nicht zu vergessen das Qualifikationspraktikum, das ich dank Steffis Job in der Zeitspanne von zwei Wochen erledigen kann. Hab ich das geschafft, sollte schon der Umzugstieflader vor unserem Haus stehen, denn dann sind Sommerferien und die Kids und ich ziehen ohne Steffi nach Oberösterreich.
Ja, aber wohin genau? Irgendwohin zwischen Wels und Linz. Ein Ort, der gut an die Westbahn oder die Bahn von Wels nach Regensburg angebunden ist. Wir suchen nichts kleineres als ein Objekt mit VIER Schlafzimmern zur Miete. Für Sachdienliche Hinweise bin ich sehr offen, denn Oberösterreich ist GROß.

Um dabei nicht wahnsinnig zu werden oder ohnmächtig auf den Bildschirm zu starren, werde ich den vorjährigen Rat des Orakels weiterhin befolgen und mich in die samtenen, aber kräftigen Hände der Musik begeben. Das hat schon zur Mathe-Matura funktioniert. Ich interessiere mich für so vieles, da fällt es mir schwer mich auf diese eine Sache – die Verpflichtung (auch wenn das vier an der Zahl sind) – zu reduzieren. Umzug, Prüfungen, Lernerei sind Dinge, die mich nicht von sich aus ziehen, sondern Dinge, bei denen nichts passiert, wenn ich untätig bleibe – das ist gefährlich.
Das ist kein Projekt, an dem man gemeinsam arbeitet, wo man gepusht wird. Klar setze ich mir Ziele. Aber es fällt mir schwer eines zu finden, das nicht vage ist. Was meine Zukunft in Oberösterreich angeht, habe ich keinerlei Emotion (neither or nor) – das ist eine Verstandesentscheidung in einem erwartungsfreien Raum. Wer weiß, vielleicht kommt die Vision noch, die mich im Herzen bewegt und pusht. Ich hab jetzt für mich beschlossen, mir von meinem ersten Gehalt nach der Ausbildung ein teures Kamerobjektiv zu kaufen. Voll egoistisch, ich weiß, aber darauf kann ich mich eher freuen, als auf dieses absolut spannungsfreie Gefühl der vernunftgeleiteten Zukunftsaussicht.
Als ich den Text zwischen den Feiertagen geschrieben habe, war Steffi bei uns auf Heimaturlaub. Wir haben fett gekocht, uns ausgeruht und viel mit den Kindern gekuschelt. Auch wenn wir beide festgestellt haben, dass wir noch nicht wissen, wo wir nächstes Jahr gemeinsam spazieren gehen werden, wissen wir nun doch, dass wir es gemeinsam tun werden.
hey, james.
interessant, so viel zwischen den zeilen zu lesen (und zu wissen) und doch nicht zu lesen; ich habe einen kleinen deep dive in deine welt machen dürfen, und viel gelernt in dieser turbulenten zeit. ich freue mich sehr, dass du neue perspektiven für dich entdeckst, neue wege gehst, und dass der familienzusammenhalt bestehen bleibt. das ist gut 🙂 möge er anhalten und wachsen! und mögen die musen dir nie die liebe zur musik schwinden lassen. bleibt so zauberhaft, ihr vier, und ganz viel göttinsegen mit euch. grüße an susi – von der krallentanzenden katze 🙂
Lieber James,
in meiner Erinnerung bist du ja noch immer Abraxas,
ich hoffe das stört dich nicht allzu sehr.
Es ist schön, zu lesen, was sich in deinem Leben tut, worüber du nachdenkst
und was deine Herausforderungen sind.
Vor allem bewundere ich deine Offenheit so ehrlich über dich
zu sprechen und wie du dich immer wieder reflektierst.
Ich hoffe ehrlich, dass du was Schönes in Oberösterreich findest.
Ich bin ja auch schon wieder auf Wanderschaft, habe mich aber
jetzt entschlossen, wahre Sesshaftigkeit gar nicht mehr anzustreben
sondern die Nomadin zu genießen.
Hat sehr viele Vorteile, empfinde ich jedenfalls zur Zeit.
“ Heute hier, morgen dort….“ von Hannes Wader vor mich hinpfeifend,
und mit leichtem Gepäck, vielleicht treffen wir uns ja mal
an einer Kreuzung.
blessed be E.lisa