Geschichten JamesVermont erzählt Dir was

Unser Leben ohne Auto

U

Seit Herbst 2017 leben Steffi, meine beiden Kinder und ich ohne Auto. Seitdem werden wir immer wieder gefragt, wie wir das hinbekommen. In dem Artikel möchte ich diese Fragen – und ein paar andere – zusammenfassend beantworten.

Der Artikel hat zwei Erzählebenen: zum einen den Bildbericht, in dem ich näher auf die örtlichen Gegebenheiten und die landschaftlichen Schönheiten eingehe, zum anderen die Antworten zu zu den schon erwähnten praktischen. Der Artikel ist recht lang. Es gibt aber sprechende Überschriften, damit du die Antworten überspringen kannst, die Dich nicht interessieren. Grüße gehen raus an die Community aus r/Fahrrad auf Reddit, die viele Fragen zu diesem Artikel beigesteuert haben. Dank auch an Steffi, die viele Punkte ergänzt hat.

Eigenbau FahrradgarageAusrüstungFelder im WindEin neuer Radweg!Zickzack!Komm querBahnübergangBahnstraßeBaumtorKopfstandEine unter VielenMeine hochsichtbare Warnweste und ichWirklich finsterBlaue Stunde bei der PondarosaAn der SattnitzSüdlich der Industriezone in KlagenfurtNichts als LaternenHinterm Schlosswirt in Ebenthal

Wie kam es dazu?

Was das Auto kostet

Es gibt den Spruch: „Das Auto ist eine Sparkasse“. Wenn man sich ehrlich ist, kostet ein Auto eben mehr als den Treibstoff, den man tankt. Weil dies für die im Artikel folgenden Kostenvergleiche wichtig ist, führe ich das hier detaillierter aus: Da ist die motorbezogene Versicherung, Straßen- oder Parkplatzbenutzungsgebühren, vielleicht eine Zusatzversicherung, die Kosten für Service, die gesetzliche Überprüfung, regelmäßige Reinigungen, unplanbare Reparaturen, und sofern man kein Leasingfahrzeug besitzt, entweder Kreditkosten oder das Ansparen auf das nächste Fahrzeug. Das alles wird von den meisten Gesetzgebern mit dem amtlichen Kilometergeld beziffert. Ich beziehe mich auf das Kilometergeld, weil Mobilität sehr individuell ist und über diese Berechnung eine Vergleichbarkeit ermöglicht wird.

Unser Grund

In Österreich – wo wir leben – beträgt das amtliche Kilometergeld 0,42 €. Mit unserem 2004er Ford Galaxy legten wir im Jahr 15.000 km im Jahr zurück. Das führte zu einer monatlichen Belastung von 525 € – durch persönliche Umstände konnten wir uns das nicht mehr leisten. Freilich kommen da auch ideologische Gründe dazu, aber in erster Linie war es die Wut auf die schon erwähnten unplanbaren Reparaturen und die fehlenden finanziellen Rücklagen. Wer Auto fährt, kennt diese Wut.

Wie ist unsere Lebenssituation?

Wo wir wohnen

Bearbeitete Liniennetzkarte der KMG
Bearbeitete Liniennetzkarte der KMG

Geografisch möchte ich unseren Standort anhand des Busnetzes von Klagenfurt am Wörthersee zeigen. Wie ihr seht, leben wir am letzten Zipfel der Nachbargemeinde von Klagenfurt, in Ebenthal. Ebenthal in Kärnten – wie die genaue Ortsbezeichnung lautet – hat keinen klassischen Ortskern. Es besteht aus einer Reihe von Straßendörfern, die miteinander verwachsen sind. Das, was einem Ortskern am nächsten kommt, liegt vier Kilometer westlich von uns. Nach unserer Ortschaft, Richtung Osten, gibt es nur noch die Au und im Norden, an den Gleisen der Koralmbahn gelegen, eine schmuddelige Industriezone auf der grünen Wiese. Im Süden verläuft jener Gebirgszug, der das Klagenfurter Becken von Ost nach West begrenzt. Als Steffi vor elf Jahren hierher ziehen wollte – um dem Lärm und der Helligkeit der Stadt zu entfliehen – war die Anbindung an die Öffis für mich eine wichtige Bedingung. Und siehe da, wir hatten diese für lange Zeit. Bis die Buslinie 2016 zu einer reinen Schülerlinie degradiert wurde. Jetzt gehen wir zu Fuß 700 Meter zur nächsten Haltestelle.

Nette Nachbarschaft

Die Gegend ist schön. Inmitten von Einfamilienhäusern (Hello Suburbia!), leben wir zur Miete mit drei anderen Familien in einem Mehrparteienhaus, mit einem riesigen Garten, den wir selber gestalten dürfen. Da diese Familien Kinder im selben Alter haben und die Volksschule ebenfalls 700 Meter entfernt liegt, waren das optimale Voraussetzungen. Ein paar Jahre später fand eine gute Freundin von Steffi und mir einen Baugrund zwei Grundstücke weiter. Da die Freundin noch wichtig wird, nenne ich sie jetzt eben mal Ladybug. Folgt man der Querstraße, in der Ladybug wohnt, zehn Minuten zu Fuß, findet man sich mitten im Wald wieder – und zwar so richtig im Wald. Bis Corona traf man dort auch keinen Menschen.

Charmante EckeStadtpfarrturm KlagenfurtÜberfüllter FahrradständerHaltestelle am St.Veiter RingKnapp, aber mit DachAuf der Suche nach SchattenJames im BusMüde im BusHaltestelle BezirksgerichtSt.Veiter RingAbfahrtRadweg durch den HinterhofSchlotiRadweg im AbendlichtSonnenuntergang über Klagenfurt

Unser Mobilitätsverhalten

Steffi und ich stehen und standen in wechselnden Beschäftigungsverhältnissen, was sich in unserem Mobilitätsverhalten niederschlägt. Es gibt zwischen uns den Running-Gag: „Jeder stabile Rhythmus hält drei Wochen.“

Wie sind wir so drauf?

Wie Du Dir vielleicht anhand der Überschrift denken kannst, sind Steffi und ich keine prototypischen Suburbia-Bewohner:innen. Soll heißen, wir hinterfragen den Status-Quo unserer Gesellschaft und machen uns Gedanken über eine lebenswerte Zukunft.

Meine Einstellung zum Auto

Was mich betrifft, besteht eine Hassliebe zum Auto. Ich habe eine Lehre zum KFZ-Techniker abgeschlossen und siebzehn Jahre in einem großen Mobilitätsunternehmen gearbeitet. Über das, was in einem Fahrzeug kaputt gehen kann, und über das, was geschehen muss, damit ein Bus von A nach B fährt, weiß ich recht gut Bescheid. Was mich an der Automobilbranche so stört ist, dass sich das Konzept des Antriebs seit Siegfried­Marcus-Zeiten nichts geändert hat. Das passt so gar nicht in eine Welt, in der wir Milliarden Transistoren auf eine Briefmarke stapeln können. Die Weiterentwicklung des Automobils, die uns das Marketing der Autobauer verspricht, ist lediglich Makulatur … und davon möchte ich kein Teil mehr sein. Der VW­Skandal lässt eine gewisse Verzweiflung der Branche erahnen.

Eine Empfehlung zum Thema Gesellschaft und Auto

Eine Erkenntnis ist in den letzten Jahren noch hinzugekommen: Egal wie wir die Mobilitätswende schaffen wollen, um die Klimaziele zu erreichen, eine rein technische Lösung wird nicht ausreichen. Unsere Gesellschaft ist zu komplex, damit das funktionieren kann. An der Stelle will ich das Erklärvideo von Tapakapa empfehlen. Es erklärt dieses Geflecht aus Auto, Raumplanung, Mensch und Wirtschaft besser als ich es je könnte. Schau dir das an und lies dann weiter.

Die Perspektive der Kinder

Unsere Kinder bekommen unsere Einstellung natürlich mit. Den Umständen können sie jedoch nicht entfliehen. Oft sind sie unzufrieden, sehen dann aber ein, dass gewisse Faktoren nicht beeinflussbar sind. Wenn sich Konflikte jedoch zu ihrer Zufriedenheit lösen lassen, sind sie umso glücklicher (auf die Grenz- und Extremfälle gehe ich noch ein). Das Auto ist für sie keine Selbstverständlichkeit, was sie von anderen Kindern unterscheidet. Freiheiten haben sie dadurch aber mehr. Fällt das Elterntaxi weg, sind gerade verinselte Kinder machtlos. Das ist bei meiner Tochter (11) anders (was nicht heißt, dass sie es feiert, mit dem Bus zu fahren). Sie pendelt per Bus ins Gymnasium in die Stadt. Wir haben ihr beigebracht, wie man mit dem Smartphone und den Öffis durch das Land navigiert und auf für sie komplizierte Strecken begleiten wir sie – gelegentlich bedarf es dennoch gutem Zureden. Der Sohn (9) will nichts davon wissen und wir räumen ihm die Zeit ein, seine alltäglichen Strecken alleine zu bewältigen – was in der Praxis bedeutet, dass wir ihn wöchentlich per Bus zur Musikschule begleiten.

WolkenstimmungSchlösser an der BrückeFahrrad an der KreuzungHauptbahnhof KlagenfurtHauptbahnhof Klagenfurt PostgebäudeKlagenfurt Hauptbahnhof Bahnsteig 1 WestBusbahnhof KlagenfurtBusbahnhof FeldkirchenSüdbahngürtel Richtung WestenHeute gibt es Wiener Schnitzel

Aber haben wir wirklich kein Auto?

Wie oben erwähnt sind wir nicht ganz freiwillig autofrei. Am Ende gehen praktische Gründe vor ideelle Gründe. Es gibt Dinge, die nicht machbar sind – und auf die wir aber nicht verzichten wollen. Wir verzichten auf vieles, nehmen uns dafür aber andere Freiheiten.

Leihautos

Unsere Nachbarn sind nett – im Notfall (und nur dann nehmen wir das in Anspruch) borgen sie uns ein Auto, oder holen uns am Bahnhof ab, wenn wir gestrandet sind. Für Grenzfälle, die nicht kritisch sind, borgt uns Ladybug das Auto, und für Reisen mit viel Gepäck auch mal meine Mutter. Verlässlich und fix planbar ist das aber nicht – andere Menschen haben ihr Auto ja auch nicht zum Spaß. Baumarkt-Transporte erledigen wir mit der Geschäftskundenkarte, die wir glücklicherweise besitzen.

Ex-Wohnmobil

Und ich besaß einst (bis vor zwei Jahren) ein Wohnmobil, das ich mir mit einem besten Freund geteilt hatte. Trotz aller Automobilkritik, liebe ich es weite Strecken zu fahren. Mitunter deckten wir mit diesem Gefährt unsere Extremfälle ab – schön waren diese Einsätze aber nicht. Das Wohnmobil war groß, hatte im Leerzustand unangenehme Fahreigenschaften und einen mörderischen toten Winkel.

Wohnmobil
Historisches Foto: Unser altes Wohnmobil

Der Alltag

Einkauf

Den Wocheneinkauf erledigen wir per Fahrrad-Anhänger beim Nahversorger (siehe Fotostrecke) – dorhin kann man auch „das Kind“, nach anfänglichem Bauchweh, mit dem Fahrrad schicken. Vier Kilometer, vorne im Dorf, befinden sich Ärzte, eine Apotheke, der Postpartner, die Radlwerkstatt und die Oma. Insgesamt sind Steffi, die Tochter und ich ein gutes Team geworden. Von unterwegs kann man immer mal schnell in den Laden hüpfen und eine Kleinigkeit mitbringen. Da wir eine Familie von Planer:innen sind, haben wir diese Notkäufe gut minimiert.

Bevor wir auf den Nahversorger umgestellt hattem, kam wöchentlich der Billa-Lieferservice, der für einen monatlichen Obolus auch Tiefkühl- und frische Ware bringt. Als Billa sein Stammkundenprogramm auf „Jö“ umstellte, haben wir uns aus Datenschutzgründen davon verabschiedet.

Alle anderen Artikel bringen regionale Webshops. Amazon schließen wir zu neunzig Prozent aus. Während der Lockdowns sind auch einige Webshops dazu gekommen – was gut für uns ist. Pro-Tipp: Stelle Dich mit den Paketfahrer:innen gut und mache exzessiven Gebrauch des Pakettrackings, wenn Du nicht bei jedem missglückten Zustellversuch zum Postpartner radeln willst.

Kleidung kaufen wir selten und überwiegend vor Ort. Kinderklamotten werden (noch) getauscht, oder von den Verwandten in Zuge von Shoppingevents gekauft.

Wir haben die Versandkosten nie durchgerechnet. Die wird aber meiner Ansicht sehr schnell unerheblich, wenn man die Lenkzeit eines Fahrzeugs als Lebens- oder gar Arbeitszeit betrachtet und mit einem Geldwert versieht – selbstständig tätigen Menschen ist diese Betrachtungsweise vertraut. Wenn Du das nicht nachvollziehen kannst, versuche ich ein anderes Erklärungsmodell:

Das Fahrrad entschleunig extrem. Gelegentliche Besuche mit in einem Auto in der Stadt sind für uns zu einer Belastung geworden. Eine halbe Stunde Hinfahrt, und dann ist im Laden das gewünschte Produkt gerade ausverkauft. Die halbe Stunde zurück lege ich dann verärgert zurück … Unterm Strich ist mir die Vermeidung dieses Aufwands die fünf Euro Versandkosten wirklich wert. Die Autowege von damals mit dem Fahrrad zu ersetzen verschlingt zu viel Zeit. Zeit, die ich lieber in andere Dinge investiere – in diesen Artikel zum Beispiel.

Du kannst Dir vielleicht vorstellen, dass wir auch Mülltrenner:innen sind. Den Weg zum Wertstoffsammelzentrum, das einen Kilometer übers Feld entfernt liegt, legen wir mit dem Fahrradanhänger zurück. Pro-Tipp: Ordentliche Spanngurte kaufen und das Zeug in stabile Boxen verpacken, die sich stapeln lassen.

DorfstraßeDorfstraßeKurve mit wenig PlatzKreisverkehrJamesVermont an der BushaltestelleRain bei EbenthalBus und SpiegelungHeuplatz in KlagenfurtAbendlich in einer KleinstadtStauderhaus in KlagenfurtHeimatweg

Familienbesuche

Steffis Eltern leben in Deutschland und kommen uns regelmäßig mit dem Auto besuchen. Meine Freundin ist ebenfalls Deutsche, lebt am Land, hat zwar ein Auto, fährt damit aber keine weiten Strecken. Daher pendeln ich, und gelegentlich auch meine Kinder, dorthin mit dem Zug. Meine Eltern leben in der nächsten Stadt, eine dreiviertel Autostunde entfernt, daher bleiben mir nur die Öffis – auch wenn ich deren Auto ausborgen wollen würde. Dann habe ich noch Wahlfamilie in der Südoststeiermark und in Oberösterreich – Du wirst es erraten: Wir fahren mit Bus und Bahn. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass unsere Wohnung kein Gästezimmer hat, und Besuche daher nur auswärts möglich sind. Damit sich der Aufwand lohnt, und der „kinderliche Protest“ ausbleibt, bleiben wir mindestens zwei Nächte.

Die Tochter bewältigte heuer erstmalig die Strecke zu unseren Freunden in der Südoststeiermark alleine. Bis dahin war sie zwar auch schon zwei Mal ohne Begleitung unterwegs gewesen, hatte jedoch Unterstützung von Freunden in Graz, die ihr beim Umsteigen behilflich waren. Wir sind ein klein wenig stolz auf sie.

Urlaub

Bei mir ist Freundesbesuch meistens „der Urlaub“. Steffi jedoch fährt jedes Jahr mit den Öffis nach Schweden – heuer, und das ist eine weitere Premiere, war sie zum ersten Mal mit den Kindern dort. Da Steffi auch einen Blog führt und sie selbst von ihren Abenteuern berichten wird, möchte ich ihren Schilderungen nicht vorgreifen.

Individuelle Ziele

Meistens sind Steffi und ich froh von zuhause wegzukommen. Gezwungenermaßen bleiben wir dann auch über Nacht weg, weil ab 21 Uhr der öffentliche Verkehr eingestellt wird. In Klagenfurt und entlang der Kärntner S-Bahn Strecke gibt es zwar länger ein Angebot, doch uns fehlt stets der Anschluss ab Ebenthal oder Hörtendorf. In seltenen Fällen kommt man an Sonntagen in Kärnten nicht einmal bis zu einer der S-Bahnstrecken.

Wir haben eine Zeit lang versucht, Freunde und Familie zu uns einzuladen und sie als Dank für die Anreise zu bekochen. Leider mussten wir feststellen, dass ihnen der Weg doch zu weit war (trotz Auto). Vielleicht gab es auch andere Gründe, aber niemand wollte da so genau nachfragen.

Meistens ist unsere Familie aus einer Kombination aus Rad und Zug unterwegs. Bus deshalb nicht, weil man keine Fahrräder mitnehmen darf – Steffi musste einen Busfahrer beknien, damit er sie mit ihrem Platten mitnimmt. Mit ein wenig Willen aller Beteiligen und einem geschickten Abstellen von Fahrrädern, klappt es aber doch.

Ausflüge

Kärnten ist zwar das Bundesland mit den meisten Seen in Österreich, doch dort wo wir wohnen, befindet sich keiner in erreichbarer Nähe. Und wenn, dann sind dies öffentliche Strandbäder, die – Tourismus sei Dank – im Sommer überfüllt sind. Mit dem Eislaufen verhält es sich ähnlich, was beides zu großem Gejammer führt. Zwar gibt es die Flüsse und den Wald als Abenteuerspielplatz, aber ein Eis, Fritten und einen Sprungturm vermag die heimische Wildnis nicht immer aufzuwiegen.

Fahrrad mit AnhängerFahrradanhänger Gespann bei AdegEinkaufen mit dem Fahrradanhänger

Die wichtigsten Strecken

In die Stadt und zum Bahnhof

Per Rad

Nach Klagenfurt sind es neun Kilometer. Es gibt zwei Wege dorthin: Steffi fährt gerne entlang des Flusses am Radweg durch die Au; und ich fahre am liebsten den Bahnbegleitweg entlang der Koralmbahn (in der Bilderstrecke sind beide Wege dokumentiert). Beide Radwege haben einen Anschluss an den Glanradweg, der nach Norden und durch die Stadt führt. Auf beiden Wegen sind Gefahrenstellen vorhanden, aber insgesamt kommt man ganz gut in die Stadt, ohne von Autos behelligt zu werden.

Da Kärnten ein Tourismusland ist, wurden Radwege in erster Linie für touristische Zwecke gebaut. Aus der Perspektive der Alltagsradler gibt es viele fehlende Verbindungen und jede Menge Löcher im Radwegnetz der Stadt.

Per Bus

Bis zur Umstellung des Bussystems in Ebenthal 2016 hatten wir jede Stunde einen Bus von der Haustür zum Bahnhof, der für die Distanz 23 Minuten (gleichauf mit dem PKW) benötigte. Jetzt gibt es zwar eine Busline mehr, die uns einen halbstündigen Takt beschert, jedoch fahren beide Buslinen über den zentralen Umsteigeplatz – den Heiligengeistplatz – mitten in Klagenfurt (und der liegt nicht am Bahnhof). Eine der Linien fährt unsere Haltestelle nicht direkt an, sondern nimmt einen Umweg über Hörtendorf, einen vier Kilometer nördlich gelegenen Ort, wodurch er sieben Minuten länger braucht.

Der „Heilige“, der zentrale Umsteigeknoten

Jetzt steht man mitten in der Stadt. Will man zum Bahnhof, oder in eine andere der vier Himmelsrichtungen weiter, muss man umsteigen. Nach der Umstellung des Bussystems benötigte man zum Bahnhof 43 Minuten. Teilweise wurde man von den Apps nicht zum Hauptbahnhof geleitet, sondern zu einer S-Bahnhaltestelle westlich davon! Zum Glück wurde das optimiert und man benötigt zum Hauptbahnhof nur noch 37 Minuten. Staus, Baustellen, aufmerksamkeitsbedürftige Fahrgäste ausgenommen. Verpasst man den Anschluss, wartet man fünf bis zehn Minuten auf den nächsten. In die andere Richtung (vom Bahnhof nach Hause), eine halbe Stunde.

An Sonn- und Feiertagen ist es ein stündlicher Takt, wobei die Fahrzeiten minimal steigen, man jedoch umso länger warten muss, sollte man den Anschluss „am Heiligen“ verpassen.

Das Umsteigen am Heiligengeistplatz ist für manche Menschen eine Herausforderung. So fahren zum Bahnhof mehrere Linien von verschiedenen Bussteigen. Zwar gibt es eine digitale Infotafel, die einem verrät, welche Line an welchem Platz abfährt, doch muss man noch einen Legeplan entdecken und lesen, der einem mitteilt, wo die Steige am Platz zu finden sind. Leider sind die Bussteige auf Grund ihrer Anordnung am Platz vom Standort der Infotafel nicht gleich zu entdecken und zu identifizieren. Erst Recht nicht in Eile. Für Kinder, Gelegenheitsöffibenutzer:innen, ältere Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung ist dies eine sehr herausfordernde Aufgabe.

Der Busbahnhof

Am Bahnhof fahren nicht nur die Züge, sondern gleich daneben liegt auch der Busbahnhof, wo alle regionalen und überregionalen Busslinien ankommen und abfahren. Erstens ist der Ort in die Jahre gekommen, zweitens schwierig zu überblicken. Es gibt auch da digitale Infotafeln: Eine ist direkt am Bahnhof angebracht und die andere an der östlichen Stirnseite des Platzes. Angesichts der Größe des Ortes müssten es aber mehrere Infomonitore sein – z.B. an der Westseite beim Büro des BFI oder an der Südeseite, bei der Post. Da aber immer mindestens ein Bus da steht, kann man sich durchfragen – vorausgesetzt man ist mutig und gut zu Fuß.

Regionalbus versus Stadtbus

Eigentlich ergänzen sich Regional und Stadtbuss in ihrem Angebot – was gut ist, da man mit den Regionalbussen schneller die Stadt durchqueren kann. Praktisch ist da aber eine diffuse Hemmschwelle vorhanden und weder Fahrgast noch Busfahrerinnen rechnen mit dieser Art der Nutzung des Angebots: „Ah wos, wie? Wo wüllst hin?“. „Jo eh“.

Kühe in KlagenfurtRadeln im GrünenBrücke am KlinikumFahrradabstellanlage im KlinikumGlanbrücke in FischlEisenbahnziegenAm Bahnbegleitweg

Was die Autolosigkeit kostet

Das Radl

In Österreich gibt es auch ein Kilometergeld für Radfahrer:innen. Es beträgt 0,38 €. Nach Schätzungen lege ich mit dem Fahrrad 2000km im Jahr zurück (€63.- im Monat). Meine Fahrräder beziehe ich aus dem Gebrauchtfahrradmarkt, so um die hundert Euro pro Stück. Instand gesetzt und gewartet werden sie von der Fahrradwerkstatt vorne im Ort.

Die Öffis

Alle meine Fahrten sind planbar. Das hat den Vorteil, dass wir mit Sparangeboten unterwegs sein können. Nur ganz selten kommen wir in die Lage, Regeltickets kaufen zu müssen. Für meine Praktika bin ich dann gerne mit Monatskarte unterwegs. Das hat den Vorteil, dass für Besuche in der Stadt keine weiteren Bustickets fällig werden.

E-Mobilität

Ich werde auch gefragt, warum ich kein E-Bike fahre. Die schnelle Antwort: Die werden einem geklaut, wenn sie mal ein / zwei Tage am Bahnhof stehen lässt. Der andere Aspekt ist der sportliche: Neben Yoga ist Radeln meine einzige sportliche Betätigung und das würde ich nicht vermissen wollen. Immerhin kommen bei der E-Mobilität (Energiekosten ausgenommen) im Vergleich zu einem Kleinfahrzeug (z.B. Moped) keine weiteren Fixkosten hinzu. Wäre dem so, ginge es sich finanziell für uns wieder nicht aus.

FahrradreifenAn der Glan bei GurnitzRadweg durch die AuGradnitz in EbenthalAuto blockiert FahrradwegRadweg Miegerer Straße EbenthalStadtbusKlagenfurt HeiligengeistplatzBussteige in Klagenfurt HeiligengeistplatzKlagenfurt HauptbahnhofAbstellanlage Klagenfurt HauptbahnhofBahnunterführung St.RuprechtKlagenfurt WaidmannsdorfWaidmannsdorf SternhochhäuserKeine EinbahnHumboldstraße Ankersofenstraße KlagenfurtRosentaler Straße KlagenfurtUnterführung Südpark KlagenfurtKreuzung Südbahngürtel Lastenstraße KlagenfurtUnterführung Rudolfsbahngürtel St.Peter StraßeUnterführung Rudolfsbahngürtel St.Peter StraßeFußgänger in St.Peter Straße Ebenthaler Straße bei NachtKreuzung Kreuzung Fischlstraße Ebenthaler StraßeDie Fischl-Brücke über die Glan bei NachtRadweg bei NachtFernheizkraftwerk Klagenfurt Ost

Schlussbetrachtungen

Wie man als Radfahrer wahrgenommen wird

Wenn man da so aufschlägt, beim Matura-Vorbereitungskurs (Matura ist österreichisch für Abitur), mit seinen Gummi-Klamotten, weil die Radwege an den ersten warmen Tagen nach dem Winter am Auftauen sind, dann folgt stets die Frage, ob man wirklich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sei. Die Frage kommt selbst dann, wenn man den Leuten bereits erzählt hat, dass man kein Auto besitzt – und auch warum.

Zum Beispiel standen wir Kursteilnehmer:innen in der Runde, eine Kommilitonin drehte lässig ihren Autoschlüssel in der Hand und verlautbarte zwischendurch, dass sie das mit dem Radfahren schon eine gute Sache findet. Die Anekdote als Sinnbild genommen sagt viel darüber aus, wie tief in meinem Bundesland das Auto im Bewusstsein der Menschen verankert ist.

Auf den Straßen selbst begegnen mir lediglich die ungeduldigen Autofahrer:innen, die das Bremsen verlernt zu haben scheinen, zu knapp überholen, oder der Meinung sind, sie wären schneller über die Kreuzung als ich vor ihrer Motorhaube. Pro-Tipp: Nachts und in der Dämmerung eine hochsichtbare Warnweste tragen.

In Gesprächen habe ich festgestellt, dass hierzulande Arbeit und Auto eng miteinander verknüpft sind. Ich vermute, dass dem so ist, weil man den Jugendlichen sagt, dass, wenn sie eines Tages erwerbstätig sind, endlich ihr Auto bekommen. Daraus entsteht scheinbar der Gedanke, dass man arbeiten muss, um mobil zu sein. Irgendwas hat die Alternativen aus den Köpfen gelöscht. Meine Schlüsse machen vielleicht mehr Sinn, wenn man das Auto mit dem Begriff der Freiheit gleichsetzt: Wenn du arbeiten gehst, bist du frei.

Aber welche Freiheit soll gemeint sein, wenn die Menschen an zu vielen Orten gleichzeitig sein wollen? Man möchte meinen, dass den Menschen durch die Informationstechnologie Wege abgenommen wurden, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Vielleicht, weil sie ständig die verschiedensten Möglichkeiten vor Augen haben.

Schlussbetrachtung: Wie ich mich als Radfahrer sehe

In einem Wort: Zweitklassig.

… aber ich würde es auch nicht anders haben wollen. Zweitklassig deswegen, weil das Auto dort, wo ich wohne, der Mobilitätsstandard ist, auf dem das gesellschaftliche Leben aufbaut. Alle anderen Fortbewegungsmittel sind zweitrangig. Trotzdem haben wir Glück. Wir leben zwar nur am Rand der Zivilisation, haben aber Schule, Nahversorger und Bus in Gehweite und wohnen zudem mit hilfsbereiten Nachbarn zusammen. Nicht zu vergessen, ist das Terrain ideal zum Radeln – wenn ich da an meine Freunde in Oberösterreich denke.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir auf vieles verzichten müssen. Zum einen, weil finanzielle Mittel fehlen, zum anderen, weil das Auto doch bequem ist. Mir fällt das leicht, aber Steffi ist da anders, weil sie besser vernetzt ist und deswegen motivierter ist sich zu organisieren. Unterm Strich ist durch eine eingeschränkte Mobilität eine Einbuße an der gesellschaftlichen Teilhabe zu verzeichnen. Da wir Kinder und keine Vertrauten als Babysitter an der Hand haben und wir uns eine kostenpflichtige Kinderbetreuung nicht immer leisten können, hätte uns dieser Nachteil ebenfalls getroffen. Insgesamt ist meine Lebenssituation nicht prickelnd, aber daran ist nicht der Verzicht aufs Auto schuld.

Könnte ich es mir aussuchen, wäre ich am liebsten nur mit dem Zug im Fernverkehr unterwegs. Das ist der ideale Mix aus Freizeit und Fortbewegung. So schrieb ich den ersten Entwurf dieses Artikels auf der Fahrt von Klagenfurt nach München. In meinem damaligen Wohnmobil hätte ich das nicht gekonnt.

von JamesVermont
Geschichten JamesVermont erzählt Dir was

Neueste Beiträge

JamesVermont

JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

JamesVermont

Folgen

~~~für Ruhm & Ehre~~~