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Mein Foto des Jahres 2020

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Im Bild links unten steht ein einsames Wohnmobil auf einer grünen Wiese vor einem Weidezaun. Dahinter ist eine ländliche Gegend mit gewellten Hügeln zu sehen, über der sich eine dunkle Gewitterwolke wie eine Gedankenblase aus einem Comic zieht.

Ernestine ist nicht mehr

Ich hätte euch auch ein dramatisches Foto aus meiner Profi-Kamera zeigen können, aber die bekommt ihr eh auf meiner Fotocommunity-Seite mit. Statt dessen, und wie ihr euch sicher denken könnt, habe ich ein für mich bedeutungsschwangeres Foto aus dem absoluten Mega-Jahr 2020 ausgewählt. Denn über was könnte ich sonst so viel schreiben?

Ein Ritt auf Messers Schneide lässt sich steigern zu … ?

2020 hat sich als ein Jahr des Übergangs herausgestellt. Meinte mein alljährliches Jahesorakel noch, dieses Jahr (2020) sei ein Ritt auf Messers Schneide, so sei 2021 eine Steigerung davon – was denn? Ein Tanz auf dem Vulkan? Puff! Aber ja – und ihr werdet mir vielleicht zustimmen – 2019 war die Welt noch in Ordnung. Seltsam das so zu sehen. Die große Welt um mich mag sich komplett geändert haben, für mich blieb sie in gewisser Weise bestehen. Ich arbeite von Zuhause aus und pflege bis auf wenige Reisen im Jahr kaum soziale Kontakte. Für meine Familie freilich, hat sich vieles verschlechtert.

Was das vergangene Jahr zu einem Brückenjahr für mich macht und warum 2021 auch eines sein wird – was schließlich zur Bildauswahl führte – entpuppte sich mitten im ersten österreichischen Lockdown. Im Sommer 2022 müssen wir aus unserer Wohnung ausziehen. Kleinigkeit!, denkt sich die Leserschaft vielleicht, für uns als Familie steckt aber mehr dahinter: Dieser Weg hier ist zuende. Das kommt einem Aufwachen aus einer Illusion gleich und steht als Sinnbild, was wir als Eltern eh schon lange haben auf uns zukommen sehen. Wir hatten, bzw. haben es hier gut.

Letztes Jahr hatte ich mit einer Ausbildung begonnen (mittlerweile habe ich die Prüfungen für Deutsch und Englisch geschafft), weil ich wusste, dass es nicht so weiter gehen kann. Die werte Elaria besuchte Jahre nach Ende ihres Ökologiestudiums wieder die Universität und hat nicht nur das Nachhaltigkeitszertifikat erworben, sondern hält selbst eine Vorlesung dort. Das alles weil es nicht so weiter gehen konnte, wie bisher. Vielleicht waren Elaria und ich unserer Zeit voraus, denn jetzt scheint die westliche Menschheit zu bemerken, dass es nicht mehr so weitergehen kann, wie bisher.

Ein neues Zuhause finden

2021 heißt es für uns ein neues Zuhause zu suchen. Mir ist es wichtig Gestaltungsmöglichkeit zu haben, als von Sachzwängen gezwungen zu werden. Und das hier ist so eine Sache, mit der man nicht früh genug beginnen kann. Wir verschieben unseren Lebensmittelpunkt und das ist ein Prozess, der länger dauert. Wir werden wohl aus Termingründen Elarias zukünftigen Job hinterher ziehen, denn nicht nur unser Sohn absolviert 2022 seine erste Schulstufe, sondern auch ich absolviere meine Ausbildung. Außerdem sind Elarias Jobmöglichkeiten auf wenige Standorte beschränkt und keiner hat Lust womöglich ein zweites Mal umzuziehen. Bis 2022 muss der Umzug bestenfalls abgeschlossen sein. Vor einem Schulwechsel, inmitten der Unterstufe, werde ich unsere Tochter nicht bewahren können. Und zuletzt wäre da noch das liebe Geld, das ein Umzug kostet und erspart werden will. Seit April 2019 leben wir also mit dem Wissen, dass das Alte zwar vergangen, aber das Neue noch nicht in Sicht ist.

Ich fühle mich an das Jahr 2014 erinnert, als ich mit erhöhtem Puls und Schweiß auf der Stirn im Besprechungssaal meines damaligen Arbeitgebers saß und das unwiderstehliche Angebot (Kündigung) unterschrieb. Ich wusste damals wie heute, dass es so nicht weitergehen kann und hatte ebenso keine Ahnung, wie es weitergehen wird. Ich hatte Angst! Ein paar Monate später kaufte ich mir auf Anraten meiner Mutter hin, das Wohnmobil auf dem Foto – nie hätte ich im Traum daran gedacht! Es war eine gute Entscheidung.

Das Wohnmobil als Schleife der Unendlichkeit

Zuletzt teilte ich mir das Wohnmobil mit meinem besten Freund, bis er es verkaufen musste. Das Bild zeigt seinen allerletzten Einsatz. Doch steckt in dem Bild auch ein verborgener Aspekt drin, auf den ich aus Gründen der Textlänge nicht eingehen will. Nur so viel: Es vielleicht das Tollste, das mir in diesem Jahr passiert ist.

Und dennoch: Ich hasse es, wenn Dinge „in Schwebe“ sind. Ich bin gezwungen zu vertrauen. Ich kann nicht gestalten, sondern muss meine Pflichten erfüllen. Für Elaria, die sich – schwubbs – in der Verantwortung für unsere familiäre Zukunft sieht, ist es ebenfalls schwierig. Ein Druck, eine Erwartung, die ich ihr nicht nehmen kann. Ein Gefühl, dass ich aus den Jahren 2015 bis 2018 nur zu gut kenne.

Ich bin schon gespannt welche Entscheidungen so getroffen werden, an die ich im Traum nicht denken würde und wohin sie mich führen werden. Weg von hier, fühlt sich sehr gut an. Bis es soweit ist, heißt es ausmisten, abschließen, aber vor allem die Augen offen halten. Schließlich wandert es sich leichter mit schmalem Gepäck und vielleicht tut sich eine Abkürzung auf.

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Über den Autor

JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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