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Belunes Schwert – eine Kurzgeschichte

B

Eigentlich wollte Joscelyne nur spazieren gehen, aber dann findet sie diesen Schlüssel im Wald. Weil sie hilfreich sein möchte, trifft sie eine Entscheidung, die sich als ziemlich verhängnisvoll entpuppen sollte. Da Joscelyne über ein seltenes Talent verfügt, dient ihre Hilfsbereitschaft einer noch ganz anderen Macht.

„Belunes Schwert“ ist die dritte Kurzgeschichte, die in Laubelmont, meiner fiktiven Kleinstadt spielt. „Das Licht“ und „Die Drachenbahn“ habe ich noch nicht veröffentlicht. Joscelyne ist aber der erste Charakter aus den Kurzgeschichten, der bleibt. In meinem kommenden Roman ist sie die Hauptfigur.

Ziel der Kurzgeschichte war es für mich, diesen Erzählstil auszuprobieren und zu schauen, ob er auch auf „dem langen Format“ funktionieren würde. Darum wäre ein qualifiziertes Feedback wieder einmal sehr willkommen.

Belunes Schwert

von JamesVermont

1) Ein Bild

Joscelyne reißt die Tür zu ihrem Zimmer auf und stürmt herein. Sie wirft ihren kleinen Rucksack auf das Bett und öffnet das Fenster. Kurz lässt sie die Luft über ihre geröteten Wangen streifen und atmet tief durch:

„Mum? Ich muss dir dringend etwas erzählen!“

Ihr Blick gleitet über das kleine Tal, das sich in den Tafelberg schneidet, auf und um den ihre Heimatstadt Laubelmont liegt. Joscelyne wendet sich vom Fenster ab, schließt die Zimmertür und tritt erneut ans Fenster. Die Abendluft riecht frisch und kühl.

„Mir ist heute etwas Unfassbares passiert! Das glaubt mir bestimmt niemand und wenn doch … dann sitze ich bestimmt in der Klemme.“ Kurz atmet sie durch, berührt den herzförmigen Anhänger aus Gold an ihrer Brust, den sie vor Jahren von ihrer Mutter geschenkt bekommen hat und fährt fort:

„Ich fand diesen Schlüsselbund in dem kleinen Wäldchen und wollte ihn nicht dort liegen lassen. Ich war so dumm! So naiv! Dabei wollte ich doch nur helfen … und dann das!“

Joscelyne atmet nun ruhiger und die Röte auf ihren Wangen verschwindet langsam.

„Aber ich fange wohl besser von vorne an, Mama. Sonst kennst du dich ja nicht mehr aus:

Also ich war spazieren, um nach der Schule ein wenig alleine zu sein. Hinter dem Hügel, auf dem Saint Salaberga liegt, da verläuft in Richtung des alten Flussbetts von Eyin ein Feldweg, den ich schon immer erkunden wollte.

In Cambrie stieg ich aus dem Bus und kaum hatte ich die Stadt hinter mir gelassen, wurde es so schön ruhig. Die Sonne schien und wärmte mich. Es war ein anstrengender Tag gewesen und ich entspannte mich. Da tauchte das Bild von IHM vor meinen Augen auf. Es prickelte in meinem Körper und dann war ich angespannt und hellwach gleichzeitig – als würde Strom durch mich hindurch fließen. Aber in angenehmer Weise. Und die Welt um mich herum verschwand hinter diesem einen Bild. Dort herrschte Zwielicht, denn die Wolken hatten sich rot gefärbt und die Sonne tauchte alles in ein unwirkliches oranges Licht. Die Zeit floss nur noch ganz langsam und was sich vor meinem geistigen Auge abspielte, schien in der Realität nur eine Sekunde gedauert zu haben: ER trug ein Gewand, wie es die Menschen vor der Zeit getragen haben könnten und befand sich mitten in einer Schlacht. Sein Gesicht war so, wie ich es schon einmal gesehen hatte: rundlich, mit hellen Augen, der Bart wild, die Haut hell und seine langen Haare folgten der Bewegung seines Kopfes in einem weiten Bogen. Er schwang sein Schwert, doch sein Blick sah über den rechten Bildrand hinaus. Ich weiß nicht, was er sah, aber der Schock dessen, was er erblickt haben mochte, stand in sein Gesicht geschrieben.

Die Schlacht verzieh keinen Moment der Unachtsamkeit und so wurde er in dieser langen Sekunde von einem Speer getroffen, den ein Fußsoldat führte. Doch den Gott BELUNE tötet man nicht so einfach, Mum. Aber ich frage mich trotzdem, was IHN, den personifizierten Kampf, so erschreckt haben mochte. Diese Verzweiflung! Diese Angst und dieser Schmerz in seinem Gesicht!“

2) Zwei nette ältere Herren

Joscelyne lässt den Kopf hängen, sodass ihr schulterlanges, welliges Haar über ihre Wangen fällt. Sie beobachtet ihre zitternden Hände und lehnt sich nach einer Weile mit dem Rücken an die Wand unter dem Fenster.

„Dann wurde ich abgelenkt, weil mir zwei Männer – nein, zuerst nur einer – auf dem Feldweg begegneten. Hätte ich ihn nicht gegrüßt, hätte er wohl nicht angefangen mit mir zu reden. Aber er trug ein seltsames Gerät in der Hand. Eines, das ich noch nie gesehen habe: An einem Griff befand sich eine ein Meter lange Stange mit einem Kästchen. An dem Kästchen angesteckt waren Kopfhörer und am Ende des Stiels war eine tellerförmige Scheibe angebracht. Jedenfalls schien der Mann meinen Blick bemerkt zu haben und blieb stehen.

Er meinte, es sei ein schöner Tag um spazieren zu gehen und wollte auch wissen, ob ich hier wohne. Er nutzte das Gespräch als eine willkommene Gelegenheit für eine Pause, denn er stellte die schwarze Armeetasche, die offensichtlich schwer war, neben sich ab.

Ich beantwortete beide Fragen mit „Ja“ und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Dann sah ich, dass aus dem Wäldchen vor mir, das mein Ziel war, ein zweiter Mann trat und in dem Moment wäre es besser gewesen meinen Plan zu verwerfen. Aber ich wollte weiterlaufen, um meinen Körper abzulenken, damit ich damit fortfahren konnte, meinen Tagtraum zu studieren.

Der Mann aus dem Wäldchen schien der Bruder jenes Mannes zu sein, mit dem ich mich eben unterhalten hatte. Zumindest nehme ich das an, denn sie hatten beide einen ausgeprägten Unterkiefer und tiefliegende Augen. Beide mochten locker an die sechzig Jahre alt sein. Der Mann mit dem Gerät und der Tasche hatte weiße Haare und einen Dreitagebart. Sein mutmaßlicher Bruder, sicher der Jüngere, besaß etwas dunklere Haare und einen Schnauzer. Der Mann ging grußlos an mir vorbei.

Als ich mich etwa zehn Schritten entfernt hatte, blickte ich mich noch einmal nach ihnen um. Dabei fiel mir der weiße Peugeot Partner auf, an dem ich vorbei kam, als ich in den Feldweg abgebogen war und auf den die beiden nun zugingen. „Installateur Rosch“, stand da auf der Beklebung des Fahrzeugs. Im Prinzip war der Tag in dem Moment gelaufen, als ich das Auto wiedererkannte.

An dem Geschäft oben in der Oberstadt war ich schon öfter vorbei gegangen. Es liegt in der Seilergasse, die parallel zum Burgring verläuft. Das weiß ich deswegen so gut, weil ich den Burgring an der Stelle meide. Denn dort liegt der Boxclub und da stehen immer Typen auf der Straße und rauchen. Als Mädchen kann man dort nicht unerkannt vorbeigehen. Wer kann schon ahnen, was in diesen Matschbirnen vor sich geht?

Als ich sicher war, dass niemand mich mehr ablenken würde, versuchte ich die Schlachtszene in mir wieder heraufzubeschwören. Ich fand den feinen Faden in meinem Geist und zupfte daran.

Da war er wieder! Belunes schockierter Blick über den Bildrand hinaus und der Speer, der zeitgleich in seinen Bauch eindrang. Dazu das wutverzerrte Gesicht des Legionärs. Ihm war noch nicht bewusst, dass ihn das Schwert seines Gegner in wenigen Augenblicken töten würde.

Das Schwert, so hatte ich gelernt, war ein für diese Zeit übliches Kurzschwert. Nichts Besonderes eigentlich. „Aber wichtiger als das Schwert ist die Hand, die es führt“. Meine Lehre aus diesem Tag.“

3) Drei Optionen

Joscelyne steht auf und lehnt sich mit den Ellbogen auf die Fensterbank. Sie stützt ihren Kopf mit den Händen und erzählt weiter:

„Dann erreichte ich das Wäldchen und ging hinein. Vom Flughafen her hörte ich eine Propellermaschine starten und nachdem sie in den Himmel aufgestiegen war, konnte ich meinen eigenen Atem hören, so still war es nun. Letzten Winter hatten Sturm und Schnee im Land rund um die Stadt einige der alten Laubbäume entwurzelt – so auch hier.

Immer wieder blieb ich mit meinem Kleid an irgendwelchen Zweigen und Dornen hängen und fluchte, weil mir die für die Erhaltung des Bildes in meinem Kopf notwendige Konzentration abhandenkam. Ich ließ es bleiben und sah mich stattdessen um. Vielleicht zehn Meter weit war ich in den Wald eingedrungen. Vor mir ragte der Wurzelteller eines umgestürzten Baumes auf. Links und rechts frühlingsgrünes Gestrüpp. Ich konnte gar nicht anders, als die kraterförmige Grube, die der Baum hinterlassen hatte, zu studieren. Da war gegraben worden, stellte ich fest. Denn an einer Seite verlief der Rand nicht ganz gleichförmig, sondern war eckig ausgeschachtet worden. Der Aushub lag daneben im Laub. Ich dachte nicht weiter darüber nach, weil etwas Glitzerndes meine Aufmerksamkeit erregte.

Da lag dieser verdammte Schlüssel und ich war so dumm ihn aufzuheben!

Der Schlüsselbund bestand aus dem Autoschlüssel eines Peugeots, einer miniaturisierten Rohrzange als ersten Schlüsselanhänger, drei verschiedenen Haus- oder Türschlüsseln und einem grinsenden Logo des hiesigen Mobilfunkanbieters als zweitem Schlüsselanhänger. Das Logo bestand aus Metall, in welches eine Chiffre plus erläuterndem Text eingestanzt worden war: „Gefunden? Schicken Sie es an …“, dazu die Adresse eines Postfachs in der Hauptstadt.

Den ersten Impuls, den Brüdern hinterherzulaufen und ihnen den Schlüssel zu bringen, unterdrückte ich. Zu oft habe ich mich mit diesem Verhalten zur Äffin gemacht. Stattdessen dachte ich nach und fand drei Optionen:

  1. Den Schlüssel liegen lassen.
  2. Den Schlüssel bei der Post einwerfen.
  3. Auf dem Heimweg einen kleinen Umweg machen und den Schlüssel beim Besitzer abgeben.“

4) Das Aufziehpüppchen

Joscelyne richtet sich auf, stößt die eingeatmete Luft aus und betrachtet ihr halbdurchsichtiges Spiegelbild im geöffneten Fensterflügel. Sie mustert ihr ovales Gesicht, ihre tiefliegenden dunklen Augen und ihr leicht fliehendes Kinn. Es kräuselt sich, weil sie ihre Wut unterdrückt. Schließlich schließt sie das Fenster und nimmt an ihrem Schreibtisch Platz. Dort bindet sie ihre Haare hoch, greift nach ihrem Necessaire und beginnt damit, ihr verschmiertes MakeUp zu entfernen.

„Was soll ich sagen, Mama? Ich wollte nützlich sein und mein Lob kassieren – es ist wie das Federwerk einer Aufziehpuppe in mir, das mich dazu zwingt!“

Sie hält eine Sekunde inne und fährt fort:

„Ich ging zurück zur Haltestelle und musste sogar laufen, um den Bus zu erwischen. Der Peugeot am Ende des Feldwegs war verschwunden. Dies verstand ich als Bestätigung für meine Installateur‑Rosch‑Theorie. Ich stieg in die Merlé um, da gerade eine Kabine von der Oberstadt herunter fuhr. Stets ist man mit unserer städtischen Standseilbahn schneller in der Oberstadt als mit dem Bus, der auf seiner Route immer einen der Randbezirke anfahren muss.

Nach dem anfänglichen Gehetze kam ich doch recht entspannt an der Bergstation an und spazierte gemütlich über den Katharinenplatz in die Katzenturmgasse. Fast hätte ich vergessen in die Seilergasse abzubiegen – ach, wäre ich doch vorbeigegangen! Dann wäre die Sache nicht hässlich geworden.

Stattdessen stand ich vor dem Reihenhaus und glotzte durch die Einfahrt in den Innenhof. Da stand der „Partner“, die Heckklappe geöffnet, als wären die beiden netten älteren Herren eben erst ausgestiegen. Das Ladenlokal der Gebrüder Rosch lag im Schatten und die schmutzige Auslage war mit ausgeblichenen Pappaufstellern zugestellt, welche verschiedenste Dienstleistungen und Produkte aus dem Installateur‑Kosmos bewarben. Obwohl ich damit rechnete, die Ladentür verschlossen vorzufinden, konnte ich sie öffnen. Eine elektronische Türglocke kündigte mein unangekündigtes Erscheinen an. Beide Männer waren zugegen und drehten sich erschrocken zu mir um.

Von dem Laden selbst habe ich nur noch wenig in Erinnerung. Ab dem Moment des Betretens ging alles sehr schnell. Da waren Regale mit allerlei halb verpackten Duschköpfen, Wasserhähnen und Handwerkszeug. Aber auch Verbrauchsmaterialien wie Dichtungen, Chemikalien und Kartuschen für Dichtungsmasse. Manches davon war mit einer Patina des Vergessens überzogen, oft Gebrauchtes eilig in ein Fach gestopft – ich war überfordert. Den wie ein Handrädchen eines Absperrventils geformten Türknauf werde ich wohl nie mehr vergessen.

Die hitzige Stimmung in dieser Zeitkapsel von einem Laden traf mich mit voller Wucht und ich wich noch mit der Hand am Knauf einen halben Schritt zurück.

Vollkommen konträr dazu erklangen die Worte des älteren Bruders, also dem, der mit mir am Feldweg gesprochen hatte: „Nanu? Die kleine Mademoiselle kenn‘ ich doch. Was führt dich zu uns?“

Dem jüngeren Bruder stand die Wut ins Gesicht geschrieben und durch meine Störung hatte sie sich noch vergrößert. Ich ließ den Handrädchen-Türknauf nicht los. In mir sprang das Federwerk meiner inneren Aufziehpuppe wie ein Uhrwerk an. Mein bevorstehender Triumph hatte es aufgezogen und den Antrieb in Gang gesetzt. Gleich würde ich für meinen Gefallen gelobt werden! Es formte mein Gesicht um, zu dem eines freundlichen Aufziehpüppchens und genau so sprach ich dann:

„Verzeihen Sie die Störung, aber ich glaube, ich habe da etwas, das ihnen gehört.“

Mein Unterbewusstsein nahm die Entspannung bei den beiden Männern wohlwollend wahr und ließ die Tür los, die unter einem erneuten Ding-Dong ins Schloss fiel.

Die Ladentheke war wohl ursprünglich für Verkaufsgespräche gedacht gewesen, hatte aber ihre wahre Bestimmung in der Funktion als Bar gefunden. Der ältere Mann und seine Bruder hatten dort einander gegenüber gestanden. Jetzt drehte sich ersterer zu mir um, und zog seine weißen Augenbrauen hoch: „Soso? Etwas, das uns gehört also?“

Ich zog den Schlüssel heraus, klimperte damit und lächelte wie ein Mannequin: „Ich glaube, Sie haben diesen Schlüssel im Wald verloren.“

Ich ging einen Schritt auf den Mann zu, der mir da drinnen doppelt so groß vorkam. Dann fiel mein Blick auf die Ladentheke und ich erfasste in dem trüben Licht des Ladens nicht gleich, was dort lag. Aber die geleerte, schwarze Heerestasche daneben erkannte ich wieder.

Dem Blick des zweiten Mannes entnahm ich, dass ihm etwas unangenehm war. Jedoch das sich erhellende Gesicht des älteren Bruders, das Lob und Anerkennung für mich verhieß, war mir wichtiger. „Na schau mal einer an! Das ist ja tatsächlich unserer.“

Er wandte sich seinem Bruder zu: „Den hast wohl DU verloren.“

Der antwortete mir: „Danke, Kleine“, und streckte mir seine geöffnete Hand entgegen.

Ich, blöde Kuh, trat zu den Männern an die Theke und reichte ihnen mit strahlendem Gesicht den gefundenen Schlüssel.

Jetzt war ich nahe genug dran, um zu erkennen, was zwischen uns auf dem Tresen lag. Ich erkannte die schwarze Aura um das dreckige, oxidierte Stück Metall, das einmal ein Schwert gewesen war. Es fühlte sich magnetisch an, fast so, als wäre es meins. Ich berührte es leicht und erkannte es als das aus meiner Vision wieder. Vollkommen hirntot fragte ich: „Was ist das?“ und achtete nicht mehr darauf, was die beiden Männer taten.

An der Stimme erkannte ich, dass der jüngere der beiden Brüder sprach: „Das ist ein altes Schwert. Wir haben es gefunden.“

Das Schwert summte. Als hätte es vor einer viertel Stunde, und nicht vor über 2050 Jahren den glücklosen Speerträger auf meinem Bild enthauptet. Ich stellte fest, was ohnehin allen Anwesenden klar war: „Das habt ihr heute im Wäldchen hinter Saint Salaberga gefunden.“

Sie stritten es nicht ab. Noch immer fasziniert von meinem Talent logische Schlüsse zu ziehen, sagte ich: „Es gehört Belune. Dem Heerführer aus der Legende unserer Stadt.“

Für die Beiden war das keineswegs logisch. Als ich ihnen auf ein belustigtes Nachfragen erklären konnte, in welchem Buch die Legende zu finden war, lachten sie nicht mehr. Dass mein bester Freund Cory ein Geschichtsnerd war und ich all das Wissen nur in Gesprächen mit ihm gesammelt hatte, konnten die Brüder nicht ahnen.

Sie erklärten mir dann, dass ihnen dieser Fund von Gesetzes wegen zustand. Das spielte für mich keine Rolle, weil für mich nur entscheidend war, dass es sich hierbei um Belunes Schwert handelte und nur das zählte. Als ich meinen Blick von dem fraglichen Stück lösen konnte, standen beide Männer dicht neben mir und schauten mit verkniffenen Mienen auf mich herab. Ich bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und weil ich nicht verstand war es war, sagte ich erst mal gar nichts mehr.

Der Jüngere fügte wie aus dem Nichts hinzu: „Und außerdem sind die Museen voll von viel wertvolleren Funden!“

Beim Hereinkommen hatte ich gegenüber der Eingangstür einen Durchgang nach hinten erspäht. Ich musste um die Theke herum, um ihn zu erreichen. Leider stand mir der ältere Bruder im Weg. Hinter meinem Rücken befand sich die Eingangstür – wahrscheinlich wäre es am einfachsten dorthin zu laufen. Leider hätten mich gleich beide Männer daran hindern können. In mir versuchte ich verzweifelt das Federwerk aufzuziehen, das mich in eine praktischere und freundlichere Version von mir selbst verwandeln würde. Es gelang nicht.

Zu Bocken erschien mir eine adäquate Alternative: „Mir doch egal“, zuckte ich mit den Schultern. „Macht doch damit, was ihr wollt.“ Ich sah abwechselnd zu beiden hoch: „Gibt es einen Finderlohn für den Schlüssel?“

Das war ein Angebot für die Beiden, sich aus der Nummer herauszukaufen. Der jüngere Bruder zückte blitzartig das Portmonee und sagte: „Natürlich!“, und reichte mir einen Fünfzig‑Euro‑Schein. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf! Sofort packte ich ihn in den Rucksack.

Aber als ich mich verabschiedet hatte – auch ohne inneres Federwerk freundlich – legte der ältere Bruder seine Hand auf meine Schulter. Mitsamt der Hand auf dem Türknauf – der auch innen wie ein Handrädchen geformt war – erstarrte ich augenblicklich.

„Du verrätst uns doch nicht?“

Weil ich nicht darüber nachgedacht hatte, sagte ich einfach: „Nein“, und starrte auf das „Ziehen“‑Schild an der Tür.

Ich zog am Türknauf und er gleichzeitig an meiner Schulter. Angsterfüllt schrie ich auf. Das war zu viel für mich und ich wollte einfach nur weg!

Doch mein Schrei zwang den Mann zu handeln. Er packte mich mit seiner anderen Hand am Rucksack, doch ich war schon fast zur Tür hinaus. Als er mich zurück riss, stolperte ich rücklings, schlug mit der Schulter erst gegen das Türblatt und landete dann auf dem Boden. Die Tür schloss sich vor meinen Augen. Ding-Dong.

Der jüngere Bruder kam einen Schritt auf mich zu und ich zuckte zusammen. Doch galt seine Wut nicht mir: „Bist du verrückt geworden!? Lass sie doch gehen!“

Ich spürte den Blick des älteren Mannes auf mir ruhen und hörte sein aufgeregtes Schnaufen über mir: „Sie rennt sofort zur Gendarmerie!“

„Sieh sie an!“, er zeigte auf mich, „jetzt tut sie das erst recht!“

Und er traf damit ins Schwarze! Ich sprang auf die Füße, richtete mich aber nicht auf und stürmte geduckt um den Tresen in den hinteren Raum. Geschrei brach aus und ich hörte, wie jemand geschlagen wurde. Ich steuerte durch einen Raum, der eine Werkstatt, ein Lager oder beides sein mochte – es war mir egal, denn ich war mir sicher, den Hinterausgang zu erreichen. Ja, sogar die Tür stand offen und ich erkannte den sonnenhellen Innenhof.

Plötzlich tauchte eine Silhouette im rettenden Türrahmen auf und ich erschrak. Kantiger Schädel, breite Schultern, dicke Arme und Beine, Shorts und Shirt – zielgerichteter Gang. Ich bremste ab und schlug einen Haken nach Links, hinter die Werkbank, welche die linke Raummitte teilte. Jetzt war die Silhouette ins versiffte Neonlicht der Werkstatt getreten und sofort blieb mein Blick am Gesicht des Mannes hängen. Dennoch hastete ich bis zum Ende der Werkbank und drückte mich um deren Ecke.

Den Bart hatte er abrasiert, aber das Gesicht war immer noch so rundlich, wie ich es kannte. Die zottelige Kelten-Mähne hatte er gegen eine praktische Kurzhaarfrisur getauscht, die seinen Schädel kantig wirken ließ. In den tiefliegenden Augen lag keine Verzweiflung mehr, sondern Wut. Seine frisch gebrochene Nase unterstrich den Nimbus der Gewalt, der ihn umgab. Lediglich die Kleidung untergrub diese Wirkung ein wenig: Er war wie die Männer im Boxclub gekleidet: Trikots, Boxershorts und Sportpantoffel. Belune – in dem Moment war ich mir noch nicht restlos sicher, ob er es wirklich war – hatte mit drei seiner Riesenschritte die Werkstatt durchquert und trat in den Verkaufsraum.

Umringt von alten Boilern, halb zerlegten Brennerköpfen, aus der Mode gekommenen Waschbecken und Toiletten, die sich teilweise bis unter die Decke stapelten, fühlte ich mich erst mal sicher.“

5) Ein dumpfer hohler Klang auf einer Wiese

Joscelyne betrachtet ihr Gesicht im Handspiegel und seufzt: „Diese Pickel.“ Dann tastet sie mit dem Zeigefinder ihre Augenringe ab. Nach dieser Bestandsaufnahme öffnet sie ihre Haare wieder und setzt sich auf die Bettkante:

„Ich bin mir sicher, dass er es war. Aber normalerweise SEHE ich es. Ich kann‘s noch immer nicht perfekt, Mama. Es ist einfach diese verfickte Angst! Und als ich hörte, was vorne im Laden geschah, wurde meine Angst noch größer.

Zuvor hatten die Brüder nur gestritten und sich dann wahrscheinlich geschlagen. … vielleicht gegenseitig davon abhalten wollen, mir zu folgen. Als Belune dazukam, änderte sich das …“

Schnell drückt Joscelyne sich die Hände vor den Mund um sich nicht übergeben zu müssen. Sie holt tief Luft und Tränen treten in die Augen. Sie flüstert:

„Mama, er hat gemacht, dass sie sich gegenseitig erschlagen haben! Am Anfang dachte ich … dachte ich, dass er sein Schwert verwendet hat, um sie zu töten. Verstehst du? Wie in meiner Vision!Und es hat sich angehört, wie … wie wenn etwas Hartes auf der Wiese landet. Nur eben … hohler.“


Joscelyne würgt erneut und nur mit Mühe kann sie verhindern, sich zu übergeben. Sie atmet ein paar Mal durch die Nase, dann erzählt sie weiter:

„Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, ich habe sicher eine Stunde hinten in dieser Werkbank verbracht und die Kühlschlingen irgendeines Heizungsgeräts studiert. Der Boxer‑Typ – ich erfuhr später, dass es wirklich Belune war – ist nicht zurückgekommen. Und die Ladentür hat auch niemand geöffnet. Ich hörte einfach den Neonröhren beim Summen zu. Das war besser als sich vorzustellen, was im Raum nebenan geschehen war. Irgendwann beschloss ich aufzustehen, weil ich aufs Klo musste. Aber verstehst du, Mum? Ich konnte nicht einfach davonlaufen! Vielleicht lebte ja einer der beiden Männer noch? Wenn sie um Hilfe geschrien, oder sich bewegt hätten, dann hätte ich gleich nachgesehen … aber so?

Da lagen sie nun. Es war traurig. Und unwürdig, wie sie dalagen. So einfach vor der Verkaufstheke, hinter der Auslage mit den Pappaufstellern. Der Jüngere hatte im Fallen wohl die Regalwand abgeräumt und lag auf dem Rücken – die Augen offen und zur Decke starrend. Die schwarze Blutlache umrahmte seinen Kopf wie ein Heiligenschein. Das Schwert lag zwischen den beiden Männern. Der Ältere lag seltsam verdreht und ich wunderte mich zunächst kein Blut zu sehen. Dann entdeckte ich einen dunklen schmierigen Film, der eine Spur von der Kante der Theke, bis nach unten zum Kopf des Opfers am Boden zog. Ich musste seinen Puls checken – nur für den Fall …

Ich drückte meine Finger an seinen Hals und fühlte die Restwärme des Körpers. Fast hoffte ich auf ein Lebenszeichen. Aber da war keines. Als ich die Atmung überprüfte, stieg mir der Geruch von Fäkalien, Blut und Staub in die Nase und schlug mir sofort auf den Magen. Ich machte einen Satz von dem Leichnam weg und wandte mich zum Gehen. Da fiel mir ein altes Telefon auf, das an der Wand im Durchgang zur Werkstatt hing. Zumindest den Notruf wählen, das konnte ich für die Beiden noch tun. Ich hob den Hörer ab, wählte die Nummer und ließ ihn dann einfach an der Wand baumeln. Jetzt hielt mich nichts mehr davon ab, die Flucht anzutreten.“

6) Belune tut was er kann

Joscelyne streift ihr Kleid über den Kopf und hält es vor sich, um es zu betrachten. Schmierflecken befinden sich darauf und an zwei Stellen ist es zerrissen. Sie wirft es unter das Bett und zieht unter dem Kopfpolster ein Pyjamaoberteil hervor, welches sie anzieht:

„Durch den Innenhof zurück in die Seilergasse wollte ich nicht mehr – nicht, dass mich noch jemand sieht. Aber es gab einen Durchgang im Nachbarhaus! Dort war die Gittertür zum Glück unversperrt. So erreichte ich einen weiteren Innenhof und von dort gab es eine Ausfahrt auf den Burgring. Jetzt war ich aber leider dort, wo ich nicht hin wollte.“

Joscelyne zieht ihre Leggins aus und bewundert die neu hinzu gekommenen blauen Flecken und Kratzer:

„Natürlich standen da wieder ein paar Matschbirnen vor dem Boxclub. Ich blieb im Durchgang stehen und lugte um die Ecke. Meine Beine zitterten noch immer und mir war so schlecht, dass ich demjenigen, der sich mir in den Weg gestellt hätte, bestimmt vor die Füße gekotzt hätte. Ich sammelte mich, versuchte unsichtbar zu sein und ging los. Ich rechnete damit, von den Männer auf der anderen Seite angesprochen zu werden, doch der einzige, der mich bemerkte, war ER. Und ich bemerkte ihn. Diesmal konnte ich seine Entrücktheit sehen. Als hätte seine physische Existenz eine Beule in die Raum-Zeit-Illusion unserer Welt gedrückt. Auf dem Trikot prangte eine fette Eins; die verletzte Nase, die kantige Frisur und die typische muskelbepackte Boxer-Figur! Hätte ein Zweifel daran bestanden, dass es derselbe Typ war, der bei den Installateuren aufgetaucht war, hätte ich spätestens dann eine Bestätigung bekommen, als er mich mit einem Kopfnicken aus der Entfernung grüßte.

Du kennst das vielleicht, Mum? Wenn du plötzlich einfach etwas weißt? Keine Bilder, keine Gefühle, kein Film – schlichtes Wissen. Plopp! Im dem Augenblick, in dem er mir zunickte, wurde mein Kopf mit Informationen geflutet.“


Joscelynes Leggins fliegt ebenfalls unter das Bett. Als nächstes zieht sie die Pyjamahose über, doch als sie sich am Bett ausstrecken will, bemerkt sie ihren Rucksack und öffnet diesen. Zu Tage fördert sie neben Schulbüchern und Federpennal, eine Jausenbox aus Plastik, eine Wasserflasche und ihr Smartphone: „Ach, da ist es.“

Sie behält letzteres in der Hand und legt sich mit einem sanften Seufzen hin:

„Der ältere Bruder hat den jüngeren Bruder erschlagen. Wenn sie denn Brüder waren. Und dann ist er selber gestürzt. Irgendwann hätten sie sich im Streit sowieso etwas angetan. Dafür hätte es mich und das Schwert gar nicht gebraucht. Übrigens war Belune erst durch mich auf das Schwert aufmerksam geworden! Wenigstens war ich für ihn hilfreich gewesen – aber warum hatte er es dann nicht mitgenommen? Belune war ja auch nicht gekommen, um mir aus der Bredouille zu helfen. Vielleicht will er das Schwert der Polizei überlassen und die reichen es dann dem Museum weiter? Oh nein, die Polizei! Siehst du, Mum? Scheinbar sitze ich so oder so in der Klemme.

Dankbar ist er jedenfalls nicht, der göttliche Belune. Er tut eben nur das, was er am besten kann: Der Wut der Menschheit freien Lauf lassen, wo immer er kann. Und ich kann mir Gedanken machen, wie es danach weiter geht.“

Dann wird Joscelyne still und denkt einen Moment nach: „Mum, ich hab Angst, dass mir das auch einmal passiert! Was, wenn ich einen Menschen vor lauter Zorn umbringe?“

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JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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