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Sterbende Gebäude

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Vielleicht bin ich nicht unbedingt ein fröhlicher Mensch. Oder aber, mich interessieren die essentiellen Themen des Lebens einfach mehr. Geburt, Liebe, Sex und Tod. Darum verpacke ich das alles in meine Texte. Diesmal muss jedoch feststellen, dass über den Tod zu schreiben, nicht lustig ist – um nicht zu sagen „ernst“.

Die Idee, dass etwas sterben will, was eigentlich leben sollte, fühlt sich „falsch“ an. „Unmöglich“, „dem Leben abgewandt“, und „verkehrt“. Es ist als ausstehende Person vielleicht unangenehm darüber nachzudenken. Ich lade dich dazu ein da mit dir genauer hinzuschauen, auch wenn es mehr oder weniger Marketing für meine Texte ist. Also „unmöglich, dem Leben abgewandt, und verkehrt“, was genau ist jetzt damit?

Füße eines Mannes, der im Schneidersitz auf einem Stein sitzt, mit Zigarretten und Bier neben sich im letzten Abendlicht.
Psychohygiene, wie man sie nicht machen sollte.

Unmöglich?

Leider nahmen sich in Österreich im Jahr 2020 rund 1072 Menschen das Leben. Man kann festhalten, es passiert. Seit Jahren wird es weniger – eine gute Nachricht – aber es passiert. Die Zahlen dazu finden sich hier und hier gibt es die Infos zur Österreichischen Suizidprävention.

Dem Leben abgewandt?

Ja. Grundsätzlich bin ich gegen alles, was lebensfeindlich ist. Aber ich würde es nie verurteilen, wenn jemand Gewalt gegen sich selbst richtet, auch wenn ich es nicht gutheiße.

Verkehrt?

Nein, weil jedes Verhalten und Handeln einen guten Grund hat. Darum hör deinen Mitmenschen genau zu und nimm sie ernst. Da liegt die Essenz vergraben und darum soll sich der Artikel drehen. Und darum, wie ich dazu komme, eine Geschichte über Suizid zu schreiben.

Aber geht es in Eyionnes Melodie überhaupt um Suizid? Bevor ich die Frage beantworte, solltest du meine Novelle gelesen haben (kostenfrei, hier auf meinem Blog) und falls du das nicht tun willst, aber wissen willst um was es dabei geht, sei dir mein Blogartikel empfohlen, da gibt es eine spoilerfreie Zusammenfassung.

Worum es in Eyionnes Melodie wirklich geht

Und die Antwort auf meine Frage lautet. Ja, schon. Das zentrale Motive ist dabei das Hallenbad, dem das Wasser nicht nur metaphorisch bis zum Rand steht. Die Figur Conscious möchte ich derweil außen vor lassen, weil sich in ihm zwei weitere Komponenten der Geschichte treffen. Trotz des ernsten Themas und meinem fachlichen Background, bleibt es eine fiktionale Geschichte.

Dass ein Gebäude sterben kann, mag ein wenig seltsam klingen; aber in Joscelynes Welt ist alles belebt und hat eine Seele mit der sie interagieren kann. Joscelyne schildert das in in ihrem Gespräch mit Cory so:

„Ich fabulierte vor mich hin, um mich von der tiefen Trauer abzulenken, die ich gerade empfand: ‚Der Bau hat nie seine Bestimmung erfüllen können. Er wurde beschädigt und nie repariert. Und man hat es absichtlich vergessen ... und lässt es leiden.‘

Cory nickte: ‚Ganz schön deprimierend, wenn du das so aufzählst.‘“
Eyionnes Melodie von JamesVermont

*

Einem Individuum, das von einem in irgendeiner Form abhängig ist, positive Aufmerksamkeit, Zuspruch und Wertschätzung vorzuenthalten ist nicht ohne Grund eine Form von psychischer Gewalt. Der gebrochene Träger im Dach, der nicht repariert wurde, die Versiegelung gegen Vandalismus (an der Stelle lacht Joscelyne), sind weitere Synonyme für Überforderung, Vernachlässigung und Isolation.

Dass Wasser ein Synonym für Gefühle ist, zeigen viele Klischees der gegenwärtigen westlichen Geschichtenerzählerei (die romantische Bootsfahrt, gefangen im Regen und überhaupt: Wasser gewinnt immer!). Jetzt verläuft eine Hauptwasserleitung unter dem Gebäude mit einem ominösen Abzweigventil, das dafür sorgt, dass das Hallenbad überflutet wird. Diese Leitung steht stellvertretend für die monochromatische Richtung, in die das Hallenbad denkt. Mehr vom Gleichen bringt es schneller ans Ziel. Darum wehrt es sich auch, als das die „Spikes“ das Ventil umstellen wollen. Es kann sich nicht vorstellen, dass eine andere Nutzung seiner Räumlichkeiten zu einem glücklichen Leben führen könnte. Die Spikes hätten hier gerne geskated und auch die Punks fühlten sich hier sehr wohl. Das Gebäude konnte diese Chance nicht mehr sehen, da es nicht mehr in der Lage war, tragfähige Beziehungen einzugehen, da diese emotionalen Schaden bedeuten könnte.

In was das Ganze gipfelte, konntest du ja lesen. Ich hoffe, es ist mir gelungen die Tragweite von Suizidgedanken darzustellen. Ich erlebe es oft, dass Ankündigungen solcher Taten, oder selbstverletzendes Verhalten als Aufmerksamkeitsheischerei abgetan werden. Bitte höre diesen Menschen zu und wende dich an Vertrauenspersonen, die helfen können. Es verlangt niemand von dir als zuhörende Person, dass du dieses Wissen alleine schultern musst, oder das Problem für die betreffende Person löst.

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Meine persönliche Erfahrung mit dem Thema

Mit fünfzehn, als ich in einem Lehrlingsheim in Wien wohnte, habe ich einmal versucht mir das Leben zu nehmen. Dabei habe ich etwas gespürt, das für immer mein Leben verändert hat und ich habe es nie wieder probiert. Rückblickend betrachtet würde ich es als einen Akt der Verzweiflung oder als Experiment deuten. Es hatte nichts damit zu tun, was ich später bei anderen Menschen in meinem Umfeld beobachten oder miterleben durfte. Ich hatte immer wieder Liebeleien mit Frauen, die sich selbst verletzt haben, oder wirklich versuchten sich das Leben zu nehmen. Leider war ich damals zu jung, um zu begreifen, was wirklich vor sich ging.

Einige Jahre später nahm sich ein Kollege das Leben und hinterließ nicht nur eine Tochter in meinem Alter und eine Ehefrau, sondern auch seinen Posten in der Firma, in der ich beschäftigt war. Sein Posten wurde dann mir angeboten und nahm ihn an. Was mir damals, auch ohne seine Tochter regelmäßig beim Ausgehen zu treffen, zu schaffen machte. Wenn ich heute an den Kollegen denke, so hätte ich mir vielleicht bei seinen stets dezent-negativen Kommentaren etwas denken können. Ich wollte ihn immer aufmuntern, hin und wieder stimmte ich ihm zu, aber ich hätte nie daran gedacht, dass er sich etwas antun könnte. Mir wurde geschildert wie er es getan hat. Und obwohl ich mir die Bilder nur zusammenreimte, verfolgten sie mich trotzdem.

Was man tun könnte

Daran kann man auch erkennen, dass Suizid nicht nur die Menschen betrifft, die sich mit diesen Gedanken plagen, sondern auch das Umfeld der Person. Toni, Smut und die anderen aus dem Hallenbad sind genauso davon betroffen wie die Eltern des verstorbenen Conscious. Es gibt ja genug Menschen da draußen, die sagen, dass Suizid egoistisch sei. Das mag nachvollziehbar sein. Aber wir sind soziale Wesen und wir sollten nicht wegschauen, wenn es jemanden schlecht geht. Und erst recht nicht sollten wir die Schuld für den Tod eines Menschen auf den Verstorbenen schieben. Smut ist nie müde geworden mit Conscious zu diskutieren; Toni war immer zu stelle, wenn es schwierig wurde und blieb trotz der drohenden Gefahr hilfsbereit. Ich würde es so halten wollen, wie Joscelyne und Eyionne: Mitgefühl zeigen.

Schreib mir gerne, was du über das Thema weißt, oder erlebt hast. Drüber reden tut gut. Vielleicht hast du auch die Novelle gelesen und hast Feedback für mich? Das hilft mir immer dabei, meine Texte besser zu machen.

von JamesVermont
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JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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