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Hexereien Betatest #5: 10.07.2018

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Marie von Grey steht am Morgen des 10. Juli 2018 an der Ecke Kramergasse am Alten Platz in Lintwerth und wartet auf ihre Freundin Daniela Herkulania: „Wo bleibt sie denn bloß?“

Normalerweise treffen sich die Frauen alle drei Tage – doch heute hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass ihre langjährige Freundin nicht erscheinen würde. Die Zeiten sind ruhig also gab es nichts zu tun für die beiden Heldinnen – was spricht also gegen das obligate Treffen?

Maries Unruhe wächst weiter an – die ganze Zeit schon war sie auf und ab gegangen. Jetzt steht sie zwar am selben Fleck, wippt jedoch mit dem Fuß. Das Unwissen über den Verbleib der Freundin, diese Ungewissheit nagt an ihrem Nervenkostüm. Das gewohnte und Liebgewonnene Spiel zwischen ihnen fehlt Marie mit einem Mal.

Andere Menschen gehen vorbei, nehmen keine Notiz von Marie. Geschäfte werden beliefert, Büromenschen schlürfen ihren Kaffee, Aktivisten stellen sich tapfer Konsumenten in den Weg, bitten darum, endlich die Probleme der Menschheit anzupacken und werden abgewimmelt – ein normaler Dienstag Morgen also.

Plötzlich wird Marie von der angestauten Nervosität übermannt und das Wippen des Fußes ergreift ihren ganzen Körper. Noch einen tiefen Atemzug nimmt sie, bevor sie mit halblaut singender Stimme säuselt:

„Die schönsten Zeiten im Leben erlebt man oft mit einem bestimmten Menschen an seiner Seite – aber oft auch die Schlimmsten. Da ist dann die Schulter, die stützt, oder die zitternde Hand, die gefasst wird. Selten sind beide Menschen in jedem Moment gleich stark – es ist ja immer etwas los – uns so stehen sie füreinander ein. Über die Jahre lachen und weinen sie gemeinsam und trotzdem verändern und entwickeln sie sich. In die eine und in die andere – aber selten in die gleiche Richtung. Bleibt ein neues Abenteuer, das zusammenschweißt aus, werden die Chancen für gemeinsame Momente übersehen und man verliert sich (menschlich gesehen) aus den Augen.
Gehe zu dem Menschen. Gleich Morgen, oder Übermorgen – als Freund und frei von Erwartungen.

Heute regelt man Dinge und am Freitag glitzert das Bling!“.

Als Maries Blick wieder die Konsensrealität der Menschen erfasst, blickte sie in zwei graue Augen hinter dicken Brillengläsern. Ein sanftes Murmeln dringt an ihr Ohr und der typische Duft eines älteren Menschen umspielt ihre Nase. Zusätzlich halten sie zwei Arme am Oberkörper gepackt und lassen sie unter größerer Kraftanstrengung sanft auf das Pflaster des Alten Platzes gleiten.

von JamesVermont
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Über den Autor

JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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