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Die Wurzeln der Ungeduld – Orakel zum Roten Raben #24

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Die Augen des Obdachlosen leuchten im abendlichen Zwielicht der Passage und Marie von Grey traut ihren Ohren nicht, als er verspricht: „Ich habe, wonach du suchst!“

Doch ihre Freundin, Daniela Herkulania, die sie stets begleitet, legt ihr die die Hand auf die Schulter und raunt: „Pass bloß auf!“

Maries Herz pocht ihr bis zum Hals – das Problem wäre gelöst! Sie würde finden wonach sie so dringend sucht und könnte endlich gehen wohin sie will.

Also betritt Marie die Passage, durch die sie eben erst mit Daniela gekommen war und baut sich vor dem bärtigen, schmutzigen Mann auf – ihre Freundin, folgt ihr diesmal nicht.

„Also, gib her!“, fordert Marie.

Der Mann hustet schwer und Marie rollt mit den Augen. Schließlich sagt er: „Als du eben vorbeigekommen bist, hast du mich keines Blickes gewürdigt.“

Marie lügt: „Das tut mir leid. Ich habs eilig.“

Schließlich zieht der Mann ein Schälchen hervor, in dem einige Kupferstücke klimpern. Marie tastet ihre Kleidung ab und muss zugeben: „Ich hab nichts dabei. In der Eile habe ich meine Tasche zuhause vergessen.“

Der Mann schnaubt, überlegt und winkt die Frau zu sich herunter. Marie geht in die Hocke und erkennt, dass er ihr die Wange hinstreckt: „Dann wenigstens deinen Segen.“

Da reißt Marie der Geduldsfaden. Sie packt den Mann mit beiden Armen und stemmt ihn in die Höhe: „Hör auf mich zur Närrin zu halten und gib es mir endlich!“

Der Mann, der nicht weiß wie ihm geschieht ringt um Luft und zappelt mit den Beinen.

Plötzlich hört sie von weitem Danielas Stimme: „MARIE!“

Maries grüne Augen brennen förmlich. Sie glaubt, dass nur dieser Wicht zwischen ihr und der Lösung ihrer Probleme steht.

***

„Es lockt die Möglichkeit schneller ans Ziel zu kommen und das käme Dir vielleicht gerade recht. Doch vor dieser Möglichkeit sei gewarnt, denn sie bringt den sogenannten Tunnelblick und ist das Ergebnis Deiner Ungeduld.

Den Bereich, in dem diese Ungeduld wurzelt, gilt es zu erkunden, denn diese Ungeduld ist nur ein Symptom einer tieferliegenden Problematik. Jetzt „mal halblang“ zu machen würde zwar die aktuelle Situation entschärfen, aber auch dazu führen, dass die zugrundeliegende Problematik zu einem anderen heiklen Zeitpunkt ein neues Symptom produziert.

Beschließe dieses Thema angehen zu wollen. Orientiere Dich an den Menschen, die Du liebst oder denen Du Dich aus dem Herzen verpflichtet fühlst. Was sagen die? Was brauchen die? Und worin unterscheidet es sich davon, was Du brauchst? Taste Dich entschlossen voran in die Dunkelheit und Du findest vielleicht ein anderes lohnendes Ziel, das Du erreichen möchtest.“

***

Marie hält inne und lässt ihr Opfer zu Boden sinken. Als sie dem Mann in die Augen schauen möchte, blickt er verängstigt zur Seite.

Marie keucht vor Schreck: „Oh nein …“

Hinweis: Diesen Text gibt es auch als Video

von JamesVermont
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Über den Autor

JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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